DIE STARS VON 1971: WAS AUS IHNEN WURDE

Wenn wir an Flugplatzrennen denken, fallen uns grosse Namen ein: Sebring in Florida, Zeltweg in Österreich, Cleveland/Ohio, um nur einige zu nennen. Die Britischen Strecken von  Silverstone, Goodwood und Thruxton sind, gleich nach dem Zweiten Weltkrieg  entstanden,  umgebaute Militärflughäfen: Das Vereinigte Königreich, in dem es partiell bis 1955 noch Lebensmittelmarken gab, brauchte zur Kriegsfolgenbewältigung sehr schnell sehr viel Geld und veräusserte die Liegenschaften an die Rennfahrer-Clubs. Während die Österreicher in Innsbruck, Wien-Aspern und Tulln-Langenlebarn antraten, fuhren die Deutschen in Diepholz nahe Bremen, Wunstorf bei Hannover, Mainz-Finthen, Mendig in der Eifel und seit 1971 auch in Kassel-Calden - in der alten Bundesrepublik gab es, neben den Stadtkursen in Nürnberg und West-Berlin,  mit Hockenheim und dem Nürburgring nur zwei permanente Rennstrecken.

Die internationale Motorsport-Szene erlebte 1971 einen enormen Aufschwung, denn die Finanzierung des Sports nicht nur durch branchenbezogene, sondern auch kommerzielle Sponsoren aller Art zeigte deutliche Wirkung. Jackie Stewart im Tyrrell Ford gewann die Weltmeisterschaft  in souveräner Manier, sein Auto war im Grunde genommen nur die raffinierte Weiterentwicklung jenes Matra Ford MS80, mit dem er 1969 seinen ersten Titel gewonnen hatte. In der Markenweltmeisterschaft, ausgetragen mit 5-Liter-Sportwagen und 3-Liter-Prototypen, dominierte Porsche mit seinen Werksteams von John Wyer (Gulf) und Martini. Die Le Mans-Sieger Marko/van Lennep stellten einen sensationellen Streckenrekord auf, der jahrzehntelang Bestand haben sollte. Die Formel 2-Europameisterschaft ging an Ronnie Peterson im March Ford: Die Wikinger, die seit Beginn des professionellen Rallye-Sports, etwa im Jahr 1960, dominierend waren, waren jetzt auch auf der Rundstrecke angekommen. Zeltweg im August sah das Grand Prix-Debüt von Niki Lauda und Dr Helmut Marko, aber noch war das Überleben der grösste Sieg einer jeden Rennfahrer-Karriere, wie die tödlichen Unfälle von Pedro Rodriguez in Nürnberg und Jo Siffert in Brands Hatch bewiesen. Die perfekte Symbiose von modernem Sicherheitsdenken der Fahrergewerkschaft  GPDA und kommerziellem Interesse der internationalen Konzerne zeigte im Süden Frankreichs der neu eröffnete Circuit Paul Ricard.
Deutschlands Nummer 1 war 1971 Rolf Stommelen, erster Grand Prix-Pilot seines Landes seit dem charismatischen Grafen von Trips zehn Jahre zuvor.  Jochen Mass, Jahrgang 1946, jung, dynamisch und aussehend wie ein Filmstar, Werkspilot im Capri RS bei Ford in Köln, legte mit seinem Sieg in Calden den Grundstein  für den Gewinn der Deutschen Rundstreckenmeisterschaft, dem Vorläufer der heutigen DTM. Danach ging es Schlag auf Schlag: Formel 3-Debüt noch im gleichen Jahr auf Brabham Ford, Sieg beim traditionellen Eifelrennen in der Formel 2 auf March Ford 1972, Tourenwagen-Europameister in gleichen Jahr,  Vize-Europameister in der Formel 2 auf Surtees Ford 1973, dazu das Grand Prix Debüt in einem schnee-weissen Surtees Ford TS14. Mass, der ursprünglich für das Grand Prix Team des deutschstämmigen US-Motorsport-Papstes Roger Penske vorgesehen war, fuhr 1975 bis 1977 and der Seite der Weltmeister Fittipaldi und Hunt bei Marlboro McLaren, nahm an 105 Grandes Prix teil, erzielte 71 Weltmeisterschaftspunkte und immerhin einen Sieg. Bis zum Auftauchen eines gewissen Michael Schumacher (den er im Mercedes-Werksteam von Peter Sauber als Mentor unterstützt hatte) war Mass, der für Mercedes 1989 auch Le Mans gewann,  der erfolgreichste deutsche Fahrer seit von Trips. Jochen Mass, der während seiner langen Karriere immer wieder von schweren Unfällen und Schicksalsschlägen heimgesucht wurde, war von 1993 bis 1997 auch Kommentator bei RTL und musste auch die Todesstürze von Ratzenberger und Senna übertragen. Heute ist er gern gesehener Gast bei Veranstaltungen mit historischen Rennfahrzeugen. Neben dem Werksauto von Jochen Mass gab es in Calden noch weitere, privat eingesetzte Ford Capri mit der schicken Wespentaille. Klaus Fritzinger (1937 - 2015) war zunächst Fussball-Profi beim 1. FC Kaiserslautern, beim FC08 Homburg und beim 1. FC Saarbrücken, ehe er 1966 im Motorsport aktiv wurde. In Calden 1972 erzielte er den einzigen DRM-Sieg seiner Karriere, im gleichen Jahr wurde er auch Vizemeister hinter Hans-Joachim Stuck im Werkswagen von Ford.  Später wandte sich Fritzinger dem Rallye-Sport zu und gewann, mit Co-Pilot Henning Wünsch, dreimal die berühmte Tour de Europe. Nach seinem Karriere-Ende Anfang der neunziger Jahre war er erfolgreicher Unternehmer in Kaiserslautern. Waltraud Odenthal aus Siegburg und Tochter eines angesehenen Ford-Händlers, fuhr in den siebziger Jahren stets die ehemaligen Werks-Capris des Vorjahres. Ihr Auto Baujahr 1974, auch von Niki Lauda gefahren, gehört heute Berlins berühmten Teamchef Peter Mücke. Odenthal heiratete später Castrol-Rennchef Jochen Stöhr und hat drei Kinder. Schwere Unfälle auf dem Nürburgring und auf der AVUS hatten ihr zuvor recht lange zu schaffen gemacht. Helmut Mander, 1940 in Kassel geboren, war ein überaus erfolgreicher Berg-Rennfahrer mit rund 200 Siegen zumeist auf seinem poppig-bunten Irmscher Opel Kadett, aber nur selten auf der Rundstrecke aktiv. 1972 wurde er Berg-Europameister bei den Tourenwagen, von 1973 bis 1976 holte er den Vize-Titel. Nach seiner aktiven Karriere war Mander 25 Jahre lang Marketing-Chef von Ferrari Deutschland. Er ist promovierter Diplom-Volkswirt und das angesehene Schweizer Fachblatt motorsport aktuell gab seinem Mander-Porträt den Titel: Der Bergdoktor.
Die Meute der jungen Löwen in der Formel 3, in 1971 erstmals mit 1,6 Liter  Motoren ausgerüstet, wurde in  Calden angeführt von Vittorio Brambilla (1937 - 2001), der wie sein Bruder Ernesto schon über Formel 2-Erfahrung verfügte. Im Vorjahr war er beim Grand Prix von Israel gestartet, an dem u.a. auch Derek Bell und Harald Ertl teilnahmen, aber das Formel 2-Rennen war schon nach der Formationsrunde beendet, weil, ausgerechnet am Samstag gestartet, wütende Demonstranten den Strassenkurs nahe Tel Aviv gestürmt hatten. Vittorio Brambilla hatte mit Motorradrennen begonnen, später mit Autos häuften sich die Unfälle. Dennoch schaffte es der Italiener, mit Unterstützung des Werkzeugkonzerns Beta Utensili, in den Grand Prix Sport. 74 Rennen, ein Sieg, eine Pole Position und eine schnellste Runde sind eine durchaus positive Bilanz. Bei dem Massenunfall von Monza 1978, der zum Tod Ronnie Petersons führte, erlitt Brambilla schwere Kopfverletzungen, konnte aber später noch mehrmals für Alfa Romeo, wo er schon längere Zeit als Testfahrer tätig war, an Grand Prix Rennen teilnehmen, ehe er 1980 zurücktrat. Manfred Mohr aus dem Schwarzwald, Jahrgang 1937, hatte eine grosse Formel-Karriere vor sich und war gegen alle Asse der sechziger und siebziger Jahre gefahren. An der Seite von Clay Regazzoni sollte er in der Formel 2 Werksfahrer bei Tecno in Bologna werden, doch bei einem Formel 3-Rennen in Brands Hatch 1968 überlebte er einen Horror-Unfall nur knapp mit Brüchen und Lähmungserscheinungen. Nach dem Unfall wurde Mohr zunächst Werksfahrer bei Ford Köln bei den Tourenwagen, dann kehrte er in die Formel 3 zurück und wurde zweimal Sieger des ADAC F3 Cups, dem Vorläufer der Deutschen Formel 3-Meisterschaft. Nach dem Ende seiner aktiven Zeit etwa 1980 war er als Unternehmer tätig, die Firma heisst Mohr Racing Parts. Die Karriere von Dieter Kern (1938 - 2011), Deutscher Bergmeister 1971, ist untrennbar mit der Marke Alpine Renault verbunden. Bei der Deutschen F3 Trophy 1974 belegte er den dritten Platz. Jörg Obermoser, Jahrgang 1943, fuhr Formel 3, machte sich aber vor allem bei den 2-Liter  Tourenwagen (Ford Escort, BMW 2002) einen Namen; 1974 wurde er Vize-Meister in der DRM. Später wurde er mit seiner eigenen Marke TOJ (für Team Obermoser Jörg) Konstrukteur aus eigene Rechten; mit seinem TOJ SC303 mit Ford Cosworth V8 Formel 1-Motor gewann Obermoser 1977 den Interserie Lauf in Calden. In der Formel 2 war Jörg Obermoser  Teamchef  des späteren Formel 1-Weltmeisters Keke Rosberg und Danny Sullivan aus den USA, der in Folge Grand Prix Pilot bei Tyrrell und Sieger bei den 500 Meilen von Indianapolis wurde. Obermoser war es auch, der die Warsteiner Brauerei in den internationalen Motorsport einführte. Karl Wendlinger II aus  Kufstein in Österreich ist der Vater des späteren Leyton House March und Sauber Mercedes Grand Prix Piloten Karl Wendlinger III. Dieser begann seine Karriere im Team von Dr Helmut Marko ebenfalls in der Formel 3 und gehörte dann mit Michael Schumacher und Heinz Harald Frentzen zum Junioren Team von Mercedes-Benz. Hannelore Werner, Jahrgang 1942, begann ihre Karriere in der Formel V 1300 und fuhr dann erfolgreich die Formel 2 und 3 Rennwagen von Eifelland Racing aus Mayen, die 1972 mit Rolf Stommelen sogar für kurze Zeit im Grand Prix sport aktiv waren. 1970 beim Preis von Deutschland für Formel 2-Rennwagen auf dem Nürburgring belegte sie hinter dem Schweizer Xavier Perrot den zweiten Platz. Werner war bis zu dessen Tod mit Eifelland Chef Günther Hennerici (1928 - 2000) verheiratet und hat drei Kinder. Heute lebt sie als Gastwirtin in St. Jost in der Eifel.
Bei den Sportwagen und Prototypen war Kurt Hild mit seinem zum Spyder umgebauten Porsche 910 in der Presse 1971 immer wieder im Zusammenhang mit dem tödlichen Unfall von Pedro Rodriguez  auf dem Norisring in Nürnberg genannt worden, doch die zuständige Staatsanwaltschaft kam zu dem Ergebnis, dass ein technischer Defekt am Ferrari 512M des Mexikaners die Katastrophe ausgelöst hatte, Hild somit kein Verschulden traf. Der Porsche 908 von Otto Stuppacher (1947 - 2001) hatte zuvor Niki Lauda gehört, Stuppacher war Österreichischer Bergmeister 1971. Im Jahr 1976 versuchte er in Zeltweg, Monza und Watkins Glen einen Tyrrell Ford 007 für einen Grand Prix zu qualifizieren - leider vergeblich. Alfa Romeo Star-Pilot Klaus Reisch, Jahrgang 1941, auch er aus Kufstein in Tirol  kommend, entstammte einer bis ins allererste Grand Prix-Jahr  1906 zurückreichenden Rennfahrer-Familie. Er war mehrfacher Österreichischer Staatsmeister und ein vielseitiges Talent: Sein Spektrum reichte vom kleinen Alfa Romeo Tourenwagen über den 3-Liter Prototypen bis hin zum Chevron Alfa Romeo B17 Formel 3-Rennwagen. Reisch siegte 1971 in Calden  im Rennen der Sportwagen und Prototypen und er fuhr auch die schnellste Runde mit absolutem Rundenrekord. Calden 1971 war der Aufbruch in eine neue Ära mit  Interserie, DRM und Formel 3, den bekanntesten Namen des internationalen Motorsports und den stärksten Rennwagen der Welt: Eines der berühmtesten Flugplatzrennen der Welt war geboren.

Am 12. September 1971 nimmt Klaus Reisch am Interserie-Lauf in Imola teil, unter den Konkurrenten sind Weltklasse-Piloten wie Clay Regazzoni, Joakim Bonnier, Peter Gethin und Brian Redman. Viele von ihnen fahren die nahezu unlimitierten Gruppe 7-Rennwagen, wie man sie in der CanAm benutzt. Die Strecke inmitten der Stadt, durch die vielen Gärten hindurch, ist eine Hochgeschwindigkeitspiste und am Renntag herrschen in der Emilia Romana  heftiger Regen und schlechte Sicht. Im zweiten Lauf des Rennens zerschellt der Siegerwagen von Calden an der Boxenmauer. Da sind überall Trümmerteile und auch Feuer. Klaus Reisch hatte nicht geringste Chance. Die gute alte Zeit, in der doch alles so grossartig gewesen sein soll. Die heute viele mit allen Mitteln wiederherstellen möchten. Wollen wir die wirklich wiederhaben ?

Abstract. Since it`s foundation in 1971 the motorsport event at the old Kassel-Calden airfield is one of the most famous airport races in the world comparable to Sebring/Florida , Zeltweg in Austria or Cleveland/Ohio. 1971 also was the year, when Jochen Mass started his career as a works driver at Ford competing in the German Touring Car Championship to become the best German racing automobilist until the appearance of Michael Schumacher at the beginning of the nineties. Italian fighter Vittorio Brambilla, like Mass a winner of a Formula One worldchampionship Grand Prix later in his career, competed in the 1971 Calden Formula 3 race. Overall fastest lap on the Kassel-Calden track was set by the winner of the sportscar race, Klaus Reisch from Austrian Kufstein,  in  a 3 litre Alfa Romeo Tipo 33. Only three weeks after his Kassel win Reisch crashed fatally in Imola in Northern Italy. researchracing anchor Klaus Ewald,  motorsport historian and one of the observers of 1971 Kassel-Calden Airfield Race, looks back on the lives and careers of the star drivers competing in those old days.

 

 

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