Es gibt Geschichten, die können einfach kein Happy End haben. Man kann dies einfach Schicksal nennen. Oder einfach nur auf Gott vertrauen. Vieles allerdings ist schlichtweg von Menschenhand gemacht. Wo starre Ideologien auf Realitätsverlust treffen, ist die Vernunft so ziemlich am Ende. Wer sich an der Geschichte vergreift, der ist nicht nur politisch von grosser Dummheit geprägt, sondern der zerstört auch einen erheblichen Teil der menschlichen Kultur.

Berlins historischer Flughafen Tempelhof, inmitten der Deutschen Hauptstadt gelegen, war ein solch grossartiges Symbol menschlicher Kultur im besten Sinne. Er war ein Teil der deutschen, amerikanischen und europäischen Geschichte. Ein Bollwerk der Freiheit, denn die Luftbrücke stand für Stalins erste Niederlage im Kalten Krieg, viele Jahrzehnte, bevor Ronald Reagan den Kampf gegen den Kommunismus endgültig gewann, indem er die Sowjetunion, zugegeben um den Preis eines gigantischen Haushaltsdefizits, einfach pleite rüstete. Einst Exerzierplatz für Preussens Soldaten gewesen, erfolgte schon 1923 die Gründung des Flughafens auf jenem Gelände, auf dem die grossen Flugpioniere der Geschichte ihre ersten, zumeist wenig von Erfolg gekrönten Versuche unternommen hatten. In Tempelhof war, im Jahr 1926, Lufthansa gegründet worden und natürlich versuchten die Nationalsozialisten in ihrem verbrecherischen Grössenwahn den ersten kommerziellen Flughafen der Geschichte in ihre psychopathische Vision von einer Hauptstadt Germania architektonisch miteinzubeziehen. ImZweiten Weltkrieg war Tempelhof übrigens kein Militär flughafen, sondern beherbergte einen nicht unerheblichen Teil der Luftfahrt-Industrie. Ab 1930 war der Zentralflughafen systematisch ausgebaut worden, das Hauptgebäude, zu jener Zeit das grösste Bauwerk der Welt, war auf 6 Millionen Passagiere ausgelegt, tatsächlich kamen aber nur 250 000. Die Überkapazität war also gigantisch. Die grosse Halle wurde erst 1962 fertiggestellt, immerhin wurden in Tempelhof in Spitzenzeiten bis zu einer Million Fluggäste abgefertigt. Einmalig auf der Welt: Die Flieger stehen vor dem Start und nach der Landung unter einem riesigen freitragenden Dach, das völlig ohne Säulen auskommt; die Passagiere laufen, bei welchem Wetter auch immer, geschützt über das Rollfeld ins das Gebäude. 85 lange Jahre lang war Tempelhof der erste, schönste und partiell der grösste Flughafen der Welt, Symbol für Pioniergeist und Freiheit, aber auch für die finsterste Epoche der Menschheitsgeschichte: Die des Nationalsozialismus. Jede Medaille hat zwei Seiten.

Die Luftbrücke der Jahre 1948 und 1949 war eine fliegerische wie logistische Meisterleistung. Verknüpft war sie untrennbar mit einem Soldaten von höchster Tapferkeit und persönlicher Integrität: General Lucius D. Clay. Drei Jahre zuvor war Nazi-Deutschland noch der grösste Feind der Vereinigten Staaten von Amerika gewesen. Elf Monate wurde eine Millionenstadt komplett aus der Luft versorgt. Verteilt auf drei Korridore erfolgte in Tempelhof alle 90 Sekunden eine Flugbewegung, rund 280 000  insgesamt. Bei den unvermeidbaren Unfällen starben 39 Briten und 31 Amerikaner, Helden, denen Millionen Menschen in der von den Kommunisten eingeschlossenen Stadt das Überleben verdanken. Die Rosinenbomber, zumeist vom Typ DC3, gehören zu Berlin wie die Quadriga auf dem Brandenburger Tor oder der Funkturm nahe der berühmten AVUS. Jahre später landeten mit Nixon, Carter, Reagan und Clinton eine Reihe amerikanischer Präsidenten in Tempelhof, natürlich mit der berühmten Air Force One, der hellblau und weiss lackierten First Lady unter Amerikas Fliegern, seit vielen Jahren eine 747, die ja ursprünglich als Militärtransporter konzipiert worden war. Von Otto Lilienthal über Gail Halverson bis hin zu Niki Lauda, vom Schlagflügler fast hin bis zum A380: Neun Jahrzehnte der Geschichte, nicht nur der Fliegerei, sondern auch der Menschen, gehen, politisch gewollt, im Herbst 2007 einfach zu Ende. Mit Sicherheitsaspekten kann dies ebenso wenig begründet werden wie mit dem jährlich anfallenden Defizit. Früher kamen zum Tag der offenen Tür Hundertausende auf das Flugfeld, ohne dass Unfälle passierten. Und wenn der Staat am Anfang des 21. Jahrhunderts € 500 Milliarden zur Unterstützung unfähiger und korrupter Banker zur Verfügung stellen kann, so wird er  den Fehlbetrag von € 15 Millionen, die der historische Flughafen Tempelhof jährlich erwirtschaftete, quasi aus der Kaffeekasse zahlen können. Um nochmals Berlins herausragende Bauwerke heranzuziehen: Tempelhof zu schliessen, war ein barbarisches  Verbrechen gegen die menschliche Zivilisation, als würde man das Brandenburger Tor abreissen oder den Funkturm sprengen. Aber was hatte man Jahre zuvor bereits mit der AVUS getan: Erst, Mitte der sechziger Jahre die berühmte Steilwand abgerissen, dann, drei Jahrzehnte später die berühmte Rennstrecke ganz geschlossen. Riccardo Marinellis Time To Say Good Bye auf der Bühne, ein letzter Start der alten Tante Ju, dann gingen um Mitternacht des 31. Oktober 2007 in Tempelhof die Lichter aus - das finale I Can´t Forget The Moment war eher Trotz, nicht Trost.  Einsicht, Weitsicht und das feine Gespür für politische, historische und menschliche Zusammenhänge sind vielen Politikern bei ihrer Entscheidungsfindung so völlig fremd. Das Streben nach Macht um jeden Preis ist da so umso ausgeprägter. Gefragt sind da andere Eigenschaften.  Der Titel des Buches von John F. Kennedy (Ich bin ein Berliner) lautet: Zivilcourage.

 

 

 

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